Al Bauman

Loil Neidhöfer

Al Bauman

(aus SkanReader 7/99)

Al Bauman ist am 22. April 1998 im Alter von 79 Jahren in New Mexico verstorben. Der späte Nachruf an dieser Stelle ist bedingt durch die unregelmäßige Erscheinungsweise dieser Zeitschrift, deren erste Ausgabe 1993 als Festschrift zu Al Baumans 75. Geburtstag erschien.

Mit Al Bauman hatte mich eine fast zehnjährige, innige Freundschaft verbunden, die vor vier Jahren abrupt mit einem nicht mehr zu reparierenden Zerwürfnis endete, das in zutreffender Weise mit einem seiner bevorzugten Bonmots qualifiziert werden kann: „What is worse than a stubborn person? Two stubborn persons!“.

Wahrscheinlich hätte ich Al nie kennengelernt, wenn Michael Smith nicht mit Nachdruck darauf bestanden hätte:“I want you to see the old man!“ Also fuhr ich zu diesem Workshop „mit Al und Emily“ 1985 irgendwo bei Göttingen und lief gleich auf dem Flur in das größte, schönste und imposanteste Paar Augen, das ich bis dahin gesehen hatte. Es folgten zehn Jahre mit Al, die für mich als Lehrjahre begannen und zu Jahren der Freundschaft unter Männern wurden, für die ich immer dankbar sein werde.

Einen wie Al hatten wir damals noch nicht kennengelernt. Michael Smith hatte uns aus der Enge der akademischen und klinischen Sichtweisen herausgejagt und uns das Therapeut-Spielen ausgetrieben. Mit Al, der Michaels Lehrer war und sich allzu ernsthaften Interviewern gegenüber gerne einen „passionate non-therapist“ nannte und über „so-called professionals“ lästerte, kam noch eine ganz andere Dimension ins Spiel: Musik, Theater, Kunst. Er lehrte uns – und war selbst ein überzeugendes Modell dafür – daß der bio-energetische Prozess, der kreative Prozess und die Entfaltung der Lebensfreude ein und dasselbe und in ihrem Fortschritt abhängig sind von einer einzigen Voraussetzung: der freien Entfaltung der sexuellen Energie, der Herstellung der Genitalität. Er hatte Reichs „orgonotischen Funktionalismus“ wie vermutlich nur wenige begriffen und war auch für periphere Reich-Themen ein inspirierender Mentor: „Arbeitsdemokratie“, „emotionelle Pest“ und auch „funktionelles Denken“ waren Wort-Codes, die viele von uns erst wirklich verstehen konnten, nachdem Al sie uns dechiffriert hatte. 

Was ihn darüberhinaus legitimierte, von Reich zu sprechen, war schlicht die Tatsache, daß er Reich persönlich gekannt hat. Al war kein „Mitarbeiter“ oder „Follower“ Reichs und kommt auch nicht in den einschlägigen Biographien vor. Der junge Konzertpianist und Theaterdirektor, der nebenher Tanz und Malerei (u.a. bei Robert Motherwell und Kurt Seligmann) studierte, gehörte zu dem eher kleinen Kreis von Personen, mit denen der kunstverständige Reich Umgang pflegte, „um sich von seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern zu erholen“, wie Al gelegentlich zu scherzen beliebte. Al suchte Reich 1948 in New York nach einer akuten persönlichen Krise zunächst als Klient auf. Reich verwies ihn an Simeon Tropp, mit dem Al die Therapie beendete, sich anfreundete und später regelmäßige Besuche bei Reich auf Orgonon unternahm. Aus dieser Zeit stammen verschiedene Vertonungen von Gedichten Reichs, die dieser bei Al in Auftrag gegeben hatte. Es existiert auch ein zweistündiges Videodokument, 1989 auf der Ranch in Santa Fe aufgenommen, in dem Al in lebendiger anekdotischer Weise seine Zeit mit Reich und Simeon Tropp schildert. Es beginnt mit der Formel, mit der viele lange Abende bei schweren Getränken und starken Zigarren von ihm eingeläutet wurden: „When I first met Reich in 1948 …“ 

Die Begegnung mit Reich wurde zur stabilen Orientierung des damals dreißigjährigen Al Bauman für ein langes, bewegtes Leben mit vielen Neuanfängen und radikalen Schnitten. Nicht nur Musik- und Theaterprojekte trieben ihn um, sondern auch Drogenarbeit und rare Tätigkeiten wie zum Beispiel die Produktion makrobiotischer Reiswaffeln in Kalifornien oder das Betreiben einer privaten Rundfunkstation in New York, die nur klassische Musik und commercials sendete. Und immer wieder unternahm er – mit wechselndem Erfolg – den Versuch, community im Sinne der „Arbeitsdemokratie“ Wilhelm Reichs zu etablieren und zu leben. Die durchschnittliche Zeitspanne seiner major projects betrug rund zehn Jahre; so kam es, daß er mit 59 Jahren wieder mal mit einem Koffer und ein paar hundert Dollar bei Null dastand und ihm das Angebot einiger befreundeter Psychiater („We need you in business!“) sehr gelegen kam („And I need business!“). Der folgenden Neubesinnung auf Reich und die Orgonomie verdanken wir nicht nur das wunderbare streaming theatre, sondern vor allem auch, daß uns Reichs Körperarbeit in ihrer schnörkellosen Direktheit und Effektivität erhalten geblieben und überliefert worden ist.

Wer Al Bauman jedoch einen „Reichianer“ nennen wollte, war gut beraten, sich warm anzuziehen, denn sein Spott, mit dem er „Wilhelm-Reich-Institute“ und ihre selbsternannten Reich-Nachfolger überzog, konnte von der Art sein, die einem das Plasma im Körper gefrieren ließ, „Reich was not a Reichian, Freud was not a Freudian, Jesus was not a Christian“: das Original war gefragt, von jedem und jeder. „Be true to yourself“ und „Follow your streamings“ waren aus Als Mund keine gutgemeinten Ratschläge eines alten, weisen Mannes, sondern imperative Aufforderungen zur Authentizität, die in seiner Umgebung eine solche Hitze entfachen konnten, daß viele es vorzogen, einen Sicherheitsabstand einzuhalten.

Wer von ihm lernen wollte, den pflegte er erbarmungslos bei der Selbstverantwortung zu packen. So mußte sich eine Teilnehmerin aus Österreich, die sich auf einem der Workshops in Santa Fe durch Unachtsamkeit den Fuß gebrochen hatte und dafür bemitleidet werden wollte, fortan „the Austrian cripple“ schimpfen lassen. Teilnehmer, die durch hölzerne Beziehungslosigkeit auffielen, bekamen bei Partnerübungen schon mal ein Stück Wand als Gegenüber zugewiesen. Und merkwürdig schroff bis sarkastisch konnte er werden, wenn Leute durch Krankheit von sich reden machten.

Regelrecht ausflippen konnte er jedoch, wenn jemand in seinem Umfeld sich vor einem spirituellen Meister verneigte. Spiritualität vermochte er nur in Anführungszeichen zu setzen. Einig war ich mit ihm zwar darin, daß die um einen spirituellen Lehrer zentrierte „spirituelle Suche“ oft Ausdruck von Panzerung, neurotischer Fixierung und der Unfähigkeit ist, das eigene Energiefeld „beyond preconceived limits“ auszudehnen. Nicht zu reden war mit Al jedoch über die grundsätzliche qualitative Unterschiedlichkeit der Erfahrung der natürlichen biologischen Energien („Reichs Strömen“) und der energetischen Erfahrung der göttlichen Offenbarung, wie sie bei der Energieübertragung durch hochverwirklichte Adepten möglich ist. Der Sichtweise, daß der Körper (der body-mind) auch nach Erreichen der Genitalität in einem Wiederholungsmechanismus von Identifikation, Zurückweisung und Verlangen allen möglichen Objekten gegenüber gefangen bleibt und bei aller Fähigkeit zu Lust und Ekstase per se separiert, begrenzt und endlich ist, konnte er wenig abgewinnen. Und daß es eine erfahrbare, ekstatische Wahrheit im Bewußtsein gibt, die der Wahrheit des Körpers vorgeordnet ist und diese durchdringt, war erst recht Anathema. Al hielt am orgonomischen Weltbild fest; er war der vermutlich letzte große, brilliante „Wisdom-of-the-Body“-Freak.

Schwierig wurde es zwischen uns, als er versuchte, mir die überwältigend neuartigen energetischen Erfahrungen, mit denen ich in der Beziehung zu meinem spirituellen Lehrer Adi Da Samraj konfrontiert worden war, auszureden oder im Sinne der Orgonomie umzuinterpretieren. Ich hatte Dinge erlebt, die meine Auffassungen von Energie und Strömen ausgehebelt hatten. Zu gerne hätte ich mich mit Al über diese Erfahrungen ausgetauscht. Aber er verstand nicht, was ich ihm nahebringen wollte. Ich wiederum verstand nicht, daß dieser differenzierte, feinfühlige Mann soviel spirituelle Ignoranz aufbringen konnte und kam nur zu einem profanen Schluß: Al ist zickig mit Gott.

Nicht zickig, sondern realistisch und wachsam ging er mit einem anderen, immer aktuellen Thema um, der „emotionellen Pest“. Er wurde nicht müde, daran zu erinnern, daß die Möglichkeit der Kontrolle und Verfolgung des Lebendigen durch schwer gepanzerte Individuen und Gruppierungen solcher Individuen immer gegeben ist und die Menschheit insgesamt bedroht. Er hatte keine Illusionen über die Kooperationsbereitschaft solcher Individuen und konnte eindrucksvoll demonstrieren, daß allein scharfe, direkte Konfrontation und nicht „Verständnis“ irgendwelcher Art zunächst das gebotene procedere in der Arbeit mit massiv gepanzerten verfolgenden Charakteren ist. Tauchte so jemand in einer seiner Veranstaltungen auf, so machte er der betreffenden Person die Hölle heiß und brachte sie umgehend in die zwickmühlenartige Situation, sich (innerlich und äußerlich) bewegen oder – gehen zu müssen. Ich kenne einige solcher Leute, die den Ritt durch Als Hölle durchgestanden haben und heute genau wissen, wofür sie ihm dankbar sind. Und ich kenne auch andere, die sich gekränkt, mit Verachtung oder im Zorn zurückgezogen haben und wahrscheinlich ihr Leben lang grollen werden.

Daß so manche bei Al wenig zu lachen hatten, ändert nichts daran, daß dank Al Bauman unbändiges Vergnügen in unsere Arbeit kam. Wir mußten uns erst daran gewöhnen, daß solch tiefgreifende und tragfähige Veränderungsarbeit soviel Spaß machen kann und darf. Al hatte keine Mühe, auch steifen Charakteren zu neuer Lust auf kreativen Ausdruck und freie Bewegung zu verhelfen. In den vier Sommern, die er von 1984-87 bei Les Marronniers in Aix-en-Provence verbrachte, begründete er eine Tradition der zelebratorischen Workshopkultur, die sich bis heute weiterentwickelt. Körperarbeit nach Reich und streaming theatre wurden zu einer unverwechselbaren Dyade, für die „Skan“ nur ein Synonym ist.

Doch alle Fachsimpelei führt zu weit weg von den paar Sätzen, die eigentlich genügen. In Al Bauman waren zwei Qualitäten in seltener Kombination verkörpert: ein weit offenes Herz und ein unkorrumpierbar scharfer Sinn für die Realitäten des Lebens. Seine Zuneigung, seine Großzügigkeit und sein Beispiel als Mann in der Welt stehen für den Rest meines Lebens weit vorne auf der Liste, falls mich jemand nach meinen wichtigsten Erfahrungen fragen sollte. Auch wenn unsere Freundschaft am Ende getrübt war: Al bleibt jemand, an den ich immer mit Liebe und Respekt zurückdenken werde.

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Al Bauman: Taking The Leap